Die Geschichte Dölaus
um 3000 v. Chr.
Schon in der Jungsteinzeit ist die Gegend besiedelt: Auf der Bischofswiese am Rand der heutigen Dölauer Heide errichteten Menschen der Baalberger (4100-3600 v. Chr.) und der Bernburger Kultur (3300-2800 v. Chr.) eine befestigte Anlage. Aus jener Zeit stammt auch die „Steinerne Jungfrau“, ein Menhir (vorgeschichtlicher Großstein) aus Quarzit, der einst über acht Meter maß und heute noch rund 5,5 Meter hoch ist – nach dem Gollenstein im Saarland der zweitgrößte Mitteleuropas. Wozu der „Lange Stein“ diente, ist bis heute ungeklärt: Kultplatz, Grabmal oder steinerner Kalender. 1890 brach die stark verwitterte Spitze ab; die Bruchstücke liegen bis heute daneben.
um 700 n. Chr.
In einer feuchten Senke am Heiderand gründen westslawische Siedler – die Wenden – ein kleines Dorf. Der Name „Dölau“ geht vermutlich auf das altslawische dolni (Niederung) oder udoli (Tal) zurück: ein Talort am Rand der Hochfläche. Die Böden sind karg, die Lage abgelegen – bis weit ins Mittelalter bleibt Dölau ein unscheinbarer Flecken. Dass der Ort später dem gesamten halleschen Stadtforst, der Dölauer Heide, seinen Namen geben würde, ahnte damals niemand.
um 1160
Etwas abseits vom slawischen Siedlungskern errichten flämische Einwanderer auf festem Boden zunächst eine Holz-, dann um 1160 eine steinerne Kapelle. Schon rund fünfzig Jahre später kommt ein breiter Westturm hinzu – ein Indiz, dass Dölau ein eigenständiges Pfarrdorf war. Die Kirche St. Nicolai et Antonii zählt damit zu den ältesten Gotteshäusern Halles. Ihren Pfarrstatus verliert der Ort erst in der Reformation, als er kirchlich an Lettin angegliedert wird.
1376
Erstmals taucht der Ort in einer Urkunde auf – als „Delowe“. Aus dieser Schreibweise wird über die Jahrhunderte „Dölau“. Damit ist die schriftliche Geschichte des Dorfes erstaunlich jung: Die Steinerne Jungfrau stand zu diesem Zeitpunkt bereits über 3.000 Jahre an Ort und Stelle. Verwaltungsmäßig gehört Dölau damals zum Amt Giebichenstein im Saalkreis des Erzstifts Magdeburg.
1618-1648
Der Dreißigjährige Krieg trifft Dölau mit voller Wucht: Zwischen Heide und Saale prallen die Heere aufeinander, das Dorf wird vollständig zerstört. Nach dem Krieg baut man es nicht an alter Stelle wieder auf, sondern östlich der Kirche neu. Bis heute fällt deshalb auf, dass die Kirche ungewöhnlich weit abseits vom Ortskern steht – sonst meist dessen Mittelpunkt. Die alte Steinkirche überstand als einziges Gebäude die Verwüstung.
um 1680
Nach dem Krieg wird die Region neu geordnet: Mit dem Saalkreis kommt Dölau zum Herzogtum Magdeburg unter brandenburg-preußischer Herrschaft. Der Ort bleibt landwirtschaftlich geprägt; viele Bewohner arbeiten zudem in den Steinbrüchen und auf den Feldern der Umgebung. Der „Bergmannssteig“ in der Heide erinnert noch heute an die täglichen Arbeitswege. Strukturell beginnt mit der preußischen Verwaltung ein neuer Abschnitt.
1807-1813
Mit dem Frieden von Tilsit wird Dölau 1807 dem napoleonischen Königreich Westphalen zugeschlagen und dem Kanton Halle-Land zugeordnet. Nach Napoleons Niederlage befreien die Verbündeten Anfang Oktober 1813 den Saalkreis. Beim Wiener Kongress fällt der Ort 1815/16 endgültig an Preußen zurück – fortan Regierungsbezirk Merseburg, Provinz Sachsen, Saalkreis. In wenigen Jahren ist Dölau damit gleich mehrfach umsortiert worden.
1891
Mit dem Bau der Dorfschule beginnt für Dölau die Moderne. Das Schulgebäude prägt den Ort und wird bis in die Gegenwart genutzt – die Grundschule Dölau ist fester Bestandteil des Stadtteils. Schule, kurz darauf die Eisenbahn und schließlich der Siedlungsbau verwandeln das Bauerndorf allmählich in einen Wohnort.
1896
Die Eröffnung der Halle-Hettstedter Eisenbahn 1896 verändert alles: Mit den Haltepunkten „Heide“ und „Dölau“ rückt der Ort an die Saalestadt heran. Für viele Hallenser markiert der Bahnhof Dölau das Ende der Reise – und den Anfang eines Ausflugs in die Heide. Die Strecke gibt der bis 1950 selbstständigen Gemeinde einen kräftigen Entwicklungsschub. (Eine Straße quer durch die damals noch unerschlossene Heide war bereits 1841-1847 angelegt worden.)
um 1900
Dölau und die Heide werden zum beliebten Ausflugsziel der Hallenser. 1897 eröffnet nahe dem Heidebahnhof das „Waldhaus“; zahlreiche Gaststätten mit Tanzsaal und Biergarten locken an Wochenenden Scharen von Besuchern. Wer raus aus der rauchenden Industriestadt wollte, fuhr „in die Heide“. Diese Ausflugskultur prägt das Bild Dölaus für Generationen.
1920er Jahre
In den 1920er-Jahren entsteht die Siedlung am Heiderand. Viele Familien aus Halle bauen sich hier ihr Eigenheim – Dölau wird zum grünen Wohnort am Stadtrand. Damit verschiebt sich der Charakter endgültig: vom bäuerlichen Dorf zur Wohngemeinde. Die Mischung aus Einfamilienhäusern, Gärten und Heidenähe, die den Ort bis heute ausmacht, nimmt hier ihren Anfang.
1936-1946
Mitten in der Heide entsteht von 1936 bis 1942 ein hochmodernes Luftwaffenlazarett, entworfen vom Architekten Hermann Distel. 1946 übernimmt die Stadt Halle den Komplex – die Saalestadt besaß bis dahin kein eigenes städtisches Krankenhaus. Aus dem Lazarett wird so das Waldkrankenhaus, das den Stadtteil bis heute prägt. Es ist seither einer der wichtigsten Arbeitgeber Dölaus.
1950
Am 1. Juli 1950 wird Dölau gemeinsam mit zahlreichen Nachbarorten nach Halle (Saale) eingemeindet. Aus der selbstständigen Gemeinde wird ein Stadtteil. Verwaltungstechnisch endet damit eine über tausendjährige Eigenständigkeit. Die dörfliche Identität aber bleibt im Alltag spürbar – bis heute.
1970
Dölau wird im September westlicher Endpunkt der S-Bahn Halle (Stadtschnellbahn). Über Nietleben und den Heidebahnhof ist der Stadtteil nun direkt ans Schienennetz angebunden. Für Pendler und Ausflügler bedeutet das einen spürbaren Komfortgewinn. Fast vier Jahrzehnte lang fährt die Bahn bis nach Dölau.
1976
Im Bezirkskrankenhaus Halle-Dölau stirbt am 22. August 1976 der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz an den Folgen seiner Selbstverbrennung. Mit der Tat im nahen Zeitz hatte er gegen die Unterdrückung der Kirche in der DDR protestiert. Der Fall erschütterte die DDR-Öffentlichkeit und wurde weit über Halle hinaus bekannt. So schreibt sich der kleine Stadtteil in ein Stück gesamtdeutscher Zeitgeschichte ein.
2002
Am 1. Oktober 2002 wird der Bahnverkehr von Nietleben über den Heidebahnhof nach Dölau eingestellt. Die von Dölau nach Hettstedt führende Strecke wird später teilweise abgebaut, aber keine Entwidmung durchgeführt. Ein Förderverein kämpft seitdem für ihre Wiederbelebung – samt Museumszügen durch die Heide. Bis dahin bleibt der Bus die Verbindung zur Stadt.
2006
Das städtische Krankenhaus geht 2006 in die Trägerschaft des methodistischen Diakoniewerks Martha-Maria über. Als akademisches Lehrkrankenhaus der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg (MLU) bildet es ärztlichen Nachwuchs aus. Mit rund 600 Betten bleibt das Klinikum im Wald ein Herzstück des Stadtteils.
2015
Am Abend des 7. Juli 2015 fegt ein schweres Unwetter über Dölau und den Nordwesten Halles. Dächer werden abgedeckt, Bäume entwurzelt, Straßen sind unpassierbar. Manche Anwohner sprechen von einem Tornado. Der Sturm gilt als eines der heftigsten Unwetter der jüngeren Ortsgeschichte.
Heute
Dölau zählt heute rund 3.800 bis 4.000 Einwohner auf etwa 413 Hektar – überwiegend in Einfamilienhäusern. Der Stadtteil bewahrt seinen ruhigen, halb ländlichen Charakter als grüner Ort zwischen Dölauer Heide und Saaleaue. Mit dem Lückenschluss der Autobahn A 143 (Bundesautobahn) und neuen Radwegplänen rückt Dölau wieder enger an die Region heran. Steinerne Jungfrau, alte Kirche und Heide bleiben die Wahrzeichen – ein Dorf, das Stadtteil wurde, ohne sich ganz aufzugeben.
